Ein Anfang: Gehen, Denken und Schreiben
Auch in Zeiten rasantester Entwicklung lassen sich noch anthropologische Konstanten ausmachen. Die bipedale Fortbewegung des homo sapiens zählt dazu; eine andere, erst sehr viel später entwickelte, die des Schreibens und Lesens, ebenso. Mit ihnen ist ein "menschliches" Maß in Raum und Zeit gesetzt, das bis heute unverändert ist und jedem Versuch einer Beschleunigung widerstrebt. Schreiben wie Lesen sind sowohl in Produktion wie Rezeption an die Linearität gebunden, der menschliche Gang an die physiognomischen und physikalischen Gegebenheiten; beides unterliegt dem Prinzip der Sukzession.
Ähnlich verhält es sich mit der Einschätzung moderner Fortbewegungsmittel, die die Illusion nähren, die Welt sei kleiner geworden, weil für den Flug von London nach Los Angeles nurmehr ganze 10 Stunden benötigt werden. "Aber das ist ein Irrtum!", schreibt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr. "Unsere Fluglinien haben uns schließlich nur die Reisezeiten in einem geradezu absurden Ausmaß verkürzt, nicht aber die Entfernungen, die nach wie vor ungeheuerlich sind. Vergessen wir nicht, dass eine Luftlinie eben nur eine Linie und kein Weg ist und: dass wir, physiognomisch gesehen Fußgänger und Läufer sind." (...)
Schließlich steht das bipedale Gehen symbolisch immer auch für eine (weitere) spezifisch anthropologische Fähigkeit: Visionen zu entwickeln und sie zu verwirklichen - also fortzuschreiten. Der schweizerische Bildhauer, Zeichner und Maler Alberto Giacometti hat diesen Vorgang in einer Bronzeplastik mit dem Titel "Homme qui marche" versinnbildlicht (...) Und Nietzsche dichtete nach seinen Wanderungen durch die klare Bergluft im Oberengadiner Sils Maria:
Ich schreib nicht mit der Hand allein:
Der Fuß will stets mit Schreiber sein.
Fest frei und tapfer läuft er mir
Bald durch das Feld, bald durchs Papier (...)
Auch die Dichter der Moderne haben ihre Wahrnehmung der veränderten Umwelt anpassen müssen. Standen für Goethe und die Romantiker die Landschaftserkundungen in der freien Natur bei ihren Entdeckungsreisen im Vordergrund, so fokussiert sich das äußere Geschehen in der Moderne auf die schnell wachsenden Großstädte (...) In Edgar Allan Poes "Man of the crowd" hetzt ein namenloser Mann durch die Großstadt, immer auf der Suche nach etwas, inmitten der Masse und findet nichts (außer sich selbst). Baudelaires "Flaneur" schlendert scheinbar ziel- und orientierungslos über die Pariser Boulevards, doch "dieser mit einer tätigen Einbildungskraft begabte Einsame, der die große Wüste der Menschen unablässig durchwandert, hat ganz gewiss ein höheres Ziel als das augenblickliche Schauvergnügen. Er ist nach etwas auf der Suche, das die Modernität zu nennen man mir erlauben möge..." Denn: "Wenn nun alle anderen schlafen, sitzt er über seinen Tisch gebeugt, denselben Blick auf das Papier gerichtet, den er soeben auf die Dinge geheftet hielt; er hantiert mit Bleistift, Feder, Pinsel (...) Und die Dinge erstehen wieder auf dem Papier."
Auszug aus: Gehen und Imagination, Wie das Gehen den Prozess des poetischen Schreibens beeinflusst. Eine literarische Tradition von der Antike bis zu unseren Tagen, Bert Schmidtke, in: Mio Mondo, Magazin zur Schuhkultur und Lebensart, böhmer unternehmensgruppe, Essen 2001