Traubenzucker unter den Botschaftern
Es scheint so, als kämen wir allmählich an die Grenzen der Wahrnehmbarkeit. Quantitativ. Die stetig wachsende Differenz von Quantität zu Ungunsten von Qualität hinterlässt über kurz oder lang ein Wahrnehmungsvakuum beim Konsumenten. Der entnervte Zeitgenosse "schaltet ab", ist nicht mehr auf Empfang. Damit ist er aber nicht mehr erreichbar für all die schönen Werbebotschaften, die wir ihm mit den wärmsten Empfehlungen zukommen lassen wollten. Alles via Bild, schnellem Schnitt und reichlich "was für die Ohren" - versteht sich. Dabei verdrängt ein Bild doch allzu schnell das nächste, eine bierlaunige Melodie die andere. Es stellt sich die Frage, ob wir die alltägliche Breitseite des medialen Bombardements überhaupt noch ertragen wollen. Höherwertige Produkte oder komplexe Dienstleistungen lassen sich mit diesen Mitteln allein ohnehin nicht kommunizieren.
Das Lesen hingegen feiert seine Wiederentdeckung, das Buch inmitten des versammelten, elektronischen Medienaufgebotes seine Renaissance - und das nicht erst seit Elke Heidenreich. Warum? Es gibt ein virulentes Bedürfnis mehr über die Dinge zu erfahren, mit denen wir uns beschäftigen, die uns interessieren oder die wir beabsichtigen uns anzuschaffen. Wir wollen es wissen und zwar möglichst genau. Die menschliche Seele dürstet nach Aufmerksamkeit, nach Ernsthaftigkeit, manchmal auch nach Spaß. Wenn ich jedoch, sagen wir, ein sündhaft teures SUV kaufen soll, möchte ich schließlich auch erfahren, was das ist, was ich davon habe und wie es zu diesem Begriff für ein Fahrzeug mit vier Rädern gekommen ist. Stattdessen ertrinke ich in einer Flut hochglänzender Bilder.
Fantasie, aus der Lust, schließlich innere Überzeugung und eine Kaufentscheidung werden soll, entwickelt sich erfahrungsgemäß anders. Bedeutende Bilder, Imaginationen entstehen eben erst im Kopf, sind nicht schon fertig. Oder essen Sie gern Fertiggerichte, weil das Abbild eines per Mikrowelle erhitzten Tütenkoteletts auf der Plakatwand so vehement Ihren Appetit anregt?
Die Frage kann also nicht lauten: Text oder Bild? Es geht um die sinnvolle Koexistenz, die richtige Mischung aus beidem. Eines ist jedoch klar: Die quantitative Dominanz des Bildes gegenüber dem Text konstituiert keine qualitative. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass sich vieles, was sich heute auf die Schnelle bildlich offenbart, besser, präziser und vor allem nachhaltiger per Text transportieren lässt. Mit dem Bild alleine ist es wie mit dem Traubenzucker: schießt schnell ins Blut, hält aber nicht lange vor. Lassen Sie Texte und Bilder für sich sprechen - die haften, lang und länger.